Startgutschrift bei der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL)

§ 80 Satz 1 VBLS ver­stößt nicht gegen das Transparenzgebot.

Mit Neu­fas­sung ihrer Sat­zung vom 22. Novem­ber 2002 1 berechnet.

Die Bestim­mung der Anwart­schaf­ten der am 1. Janu­ar 2002 bei­trags­frei Ver­si­cher­ten, die am 1. Janu­ar 2002 nicht mehr pflicht­ver­si­chert waren, ohne dass ein Anspruch auf Betriebs­ren­te bestand, und die nicht als pflicht­ver­si­chert gel­ten, ist in § 80 VBLS gere­gelt, der – fast wort­gleich mit § 34 Abs. 1 ATV – lautet:

§ 80 Anwartschaften für am 1.01.2002 beitragsfrei Versicherte

Die Anwart­schaf­ten der am 1.01.2002 bei­trags­frei Ver­si­cher­ten wer­den nach der am 31.12.2001 gel­ten­den Ver­si­che­rungs­ren­ten­be­rech­nung ermittelt (…).”

In vier Urtei­len vom 29. Sep­tem­ber 2010 2 hat der Bun­des­ge­richts­hof grund­sätz­lich über die bei­trags­frei Ver­si­cher­ten gemäß § 80 Satz 1 VBLS erteil­ten Start­gut­schrif­ten entschieden.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat § 80 Satz 1 VBLS nach dem maß­geb­li­chen Ver­ständ­nis des durch­schnitt­li­chen Ver­si­cher­ten so aus­ge­legt, dass die Anwart­schaf­ten ent­spre­chend der für die Klä­ge­rin maß­geb­li­chen Berech­nung der (ein­fa­chen) Ver­si­che­rungs­ren­te nach § 44 VBLS a.F. oder bei unver­fall­ba­ren Anwart­schaf­ten der (qua­li­fi­zier­ten) Ver­si­che­rungs­ren­te gemäß § 18 Abs. 2 BetrAVG n.F. (in der ab dem 1. Janu­ar 2001 gel­ten­den Fas­sung) fest­ge­stellt wer­den 3 .

Mit der Ver­wei­sung auf § 18 Abs. 2 BetrAVG n.F. hielt die Über­gangs­re­ge­lung des § 80 Satz 1 VBLS einer Rechts­prü­fung nicht in vol­lem Umfang stand. Da sie auf einer maß­geb­li­chen Grund­ent­schei­dung der Tarif­ver­trags­par­tei­en beruht, war dem Bun­des­ge­richts­hof eine Inhalts­kon­trol­le nach den §§ 307 ff. BGB ver­wehrt 4 . Im Rah­men der gebo­te­nen Über­prü­fung anhand der Grund­rech­te und grund­ge­setz­li­chen Wert­ent­schei­dun­gen hat der Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den, dass die Über­gangs­re­ge­lung für bei­trags­frei Ver­si­cher­te gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG ver­stößt, soweit sie auf die Berech­nung der Ver­si­che­rungs­ren­te nach § 18 Abs. 2 BetrAVG Bezug nimmt und daher ein Ver­sor­gungs­satz von 2,25% für jedes vol­le Jahr der Pflicht­ver­si­che­rung zugrun­de zu legen ist 5 .

Ob die Über­gangs­re­ge­lung des § 80 Satz 1 VBLS auch wegen Ver­sto­ßes gegen das Trans­pa­renz­ge­bot unwirk­sam ist, hat der Bun­des­ge­richts­hof in den Urtei­len vom 29. Sep­tem­ber 2010 offen­ge­las­sen, weil es dar­auf für die damals in Rede ste­hen­de Berech­nung der qua­li­fi­zier­ten Ver­si­che­rungs­ren­te gemäß § 18 Abs. 2 BetrAVG n.F. nicht ankam 6 . Für die hier maß­geb­li­che Bezug­nah­me auf die Berech­nung der ein­fa­chen Ver­si­che­rungs­ren­te nach § 44 VBLS a.F. ist die­se Fra­ge ent­schei­dungs­er­heb­lich und zu verneinen.

Da eine Inhalts­kon­trol­le der Über­gangs­re­ge­lung des § 80 Satz 1 VBLS aus­schei­det, kommt auch eine Über­prü­fung am Maß­stab des Trans­pa­renz­ge­bots gemäß § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB nicht in Betracht.

Im Übri­gen ist die in Rede ste­hen­de Über­gangs­re­ge­lung nicht intransparent.

Nach dem Trans­pa­renz­ge­bot ist der Ver­wen­der All­ge­mei­ner Geschäfts­be­din­gun­gen ent­spre­chend den Grund­sät­zen von Treu und Glau­ben gehal­ten, Rech­te und Pflich­ten sei­nes Ver­trags­part­ners mög­lichst klar und durch­schau­bar dar­zu­stel­len 7 . Der durch­schnitt­li­che Ver­si­cher­te kann § 80 Satz 1 VBLS ent­neh­men, dass dar­in nicht auf bestimm­te Berech­nungs­re­geln, ins­be­son­de­re nicht auf die §§ 44 und 44a VBLS a.F. Bezug genom­men wird, son­dern nur auf die Berech­nung der ein­fa­chen oder qua­li­fi­zier­ten Ver­si­che­rungs­ren­te als sol­che und damit letzt­lich auf den Betrag, der sich für den jewei­li­gen bei­trags­frei Ver­si­cher­ten errech­net, wenn die Vor­aus­set­zun­gen nach dem am Umstel­lungs­stich­tag maß­geb­li­chen Sat­zungs­recht erfüllt sind 8 . Die Ver­wei­sung auf die „am 31. Dezem­ber 2001 gel­ten­de Ver­si­che­rungs­ren­ten­be­rech­nung” ver­deut­licht, dass es sich um alle Vor­schrif­ten han­deln soll, die an die­sem Tag nach der Sat­zung der VBL für die Berech­nung der Ver­si­che­rungs­ren­te ein­schlä­gig waren.

Zudem ist ein Ver­stoß gegen das Trans­pa­renz­ge­bot nicht schon dann gege­ben, wenn der Ver­si­cher­te kei­ne oder nur eine erschwer­te Mög­lich­keit hat, die betref­fen­de Rege­lung zu ver­ste­hen. Sinn des Trans­pa­renz­ge­bots ist es, der Gefahr vor­zu­beu­gen, dass der Ver­si­cher­te von der Durch­set­zung bestehen­der Rech­te abge­hal­ten wird. Erst in der Gefahr, dass der Ver­si­cher­te wegen unklar abge­fass­ter All­ge­mei­ner Geschäfts­be­din­gun­gen sei­ne Rech­te nicht wahr­nimmt, liegt eine unan­ge­mes­se­ne Benach­tei­li­gung i.S. von § 307 Abs. 1 BGB 9 . Eine sol­che Gefahr ist hier weder dar­ge­legt noch sonst erkennbar.

Schließ­lich begeg­net die Über­gangs­re­ge­lung, soweit sie auf die zur Berech­nung der ein­fa­chen Ver­si­che­rungs­ren­te der Klä­ge­rin her­an­ge­zo­ge­ne Bestim­mung des § 44 VBLS a.F. ver­weist, kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken. Dies hat der Bun­des­ge­richts­hof in den Urtei­len vom 29. Sep­tem­ber 2010 10 näher begrün­det. Bereits mit Urteil vom 14. Janu­ar 2004 11 hat er ent­schie­den, dass die Rege­lung des § 44 VBLS a.F. hin­zu­neh­men ist 12 . Soweit sie für die Ver­si­che­rungs­ren­ten­be­rech­nung im Rah­men der Über­gangs­re­ge­lung her­an­ge­zo­gen wird, ist eine abwei­chen­de Beur­tei­lung nicht gebo­ten. Dem­entspre­chend hat der Bun­des­ge­richts­hof schon in sei­ner Ent­schei­dung vom 28. März 2007 13 die Berech­nung einer auf § 80 Satz 1 VBLS i.V.m. § 44 VBLS a.F. beru­hen­den Start­gut­schrift nicht beanstandet.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. Janu­ar 2013 – IV ZR 232/​10

  1. BAnz. Nr. 1 vom 03.01.2003) (im Fol­gen­den: VBLS) ersetz­te die Ver­sor­gungs­an­stalt des Bun­des und der Län­der (VBL) ihr frü­he­res – auf dem Ver­sor­gungs­ta­rif­ver­trag vom 4. Novem­ber 1966 (Ver­sor­gungs­TV) beru­hen­des – end­ge­halts­be­zo­ge­nes, im Umla­ge­ver­fah­ren finan­zier­tes – Gesamt­ver­sor­gungs­sys­tem durch ein auf einem Punk­te­mo­dell beru­hen­des Betriebs­ren­ten­sys­tem. Den Sys­tem­wech­sel hat­ten die Tarif­ver­trags­par­tei­en des öffent­li­chen Diens­tes im Tarif­ver­trag Alters­ver­sor­gung vom 1. März 2002 (ATV) vereinbart.

    Die neue Sat­zung der VBL ent­hält Über­gangs­re­ge­lun­gen zum Erhalt von bis zur Sys­tem­um­stel­lung erwor­be­nen Ren­ten­an­wart­schaf­ten. Die­se wer­den wert­mä­ßig fest­ge­stellt und als so genann­te Start­gut­schrif­ten auf die neu­en Ver­sor­gungs­kon­ten der Ver­si­cher­ten über­tra­gen. Dabei wer­den zunächst die Ver­si­cher­ten, deren Ver­sor­gungs­fall noch nicht ein­ge­tre­ten ist, in ren­ten­na­he und ren­ten­fer­ne (Pflicht-)Versicherte unter­schie­den. Die Anwart­schaf­ten der ren­ten­na­hen Ver­si­cher­ten wer­den weit­ge­hend nach dem alten Sat­zungs­recht ermit­telt und über­tra­gen. Hin­ge­gen wer­den die Anwart­schaf­ten der ren­ten­fer­nen Ver­si­cher­ten nach den §§ 78 Abs. 1 und 2, 79 Abs. 1 Satz 1 VBLS i.V.m. § 18 Abs. 2 BetrAVG ((in der Fas­sung des Ers­ten Geset­zes zur Ände­rung des Geset­zes zur Ver­bes­se­rung der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung vom 21.12.2000, BGBl. I S.1914; im Fol­gen­den auch: Betriebs­ren­ten­ge­setz[ ]

  2. BGH, Urtei­le vom 29.09.2010 – IV ZR 11/​10, VersR 2011, 63; IV ZR 8/​10, juris; IV ZR 179/​09, juris; IV ZR 99/​09[ ]
  3. BGH, Urtei­le vom 29.09.2010, IV ZR 11/​10, VersR 2011, 63 Rn. 12 ff.; IV ZR 8/​10; IV ZR 179/​09; IV ZR 99/​09[ ]
  4. BGH, Urtei­le vom 29.09.2010, IV ZR 11/​10, VersR 2011, 63 Rn. 22 f.; IV ZR 8/​10; IV ZR 179/​09; IV ZR 99/​09; jeweils m.w.N.[ ]
  5. BGH, Urtei­le vom 29.09.2010, IV ZR 11/​10, VersR 2011, 63 Rn. 28 ff.; IV ZR 8/​10; IV ZR 179/​09; IV ZR 99/​09, unter Bezug­nah­me auf BGH, Urteil vom 14.11.2007 – IV ZR 74/​06, BGHZ 174, 127 Rn. 128 ff.[ ]
  6. BGH, Urtei­le vom 29.09.2010, IV ZR 11/​10, VersR 2011, 63 Rn. 37; IV ZR 8/​10, juris Rn. 38; IV ZR 99/​09, juris Rn. 37[ ]
  7. BGH, Urteil vom 24.03.1999 – IV ZR 90/​98, BGHZ 141, 137, 143[ ]
  8. vgl. BGH, Urtei­le vom 29.09.2010, IV ZR 11/​10, VersR 2011, 63 Rn. 14; IV ZR 8/​10, juris Rn. 14; IV ZR 179/​09, juris Rn. 11; IV ZR 99/​09, juris Rn. 14[ ]
  9. vgl. BGH, Urtei­le vom 17.03.1999 – IV ZR 218/​97, BGHZ 141, 153, 159; vom 23.11.1994 – IV ZR 124/​93, BGHZ 128, 54, 60 f.; BAG NZA 2009, 538, 547 m.w.N.; BAGE 122, 12, 18 f. m.w.N.[ ]
  10. BGH, Urtei­le vom 29.09.2010 – IV ZR 11/​10, VersR 2011, 63 Rn. 27; IV ZR 8/​10; IV ZR 179/​09; IV ZR 99/​09[ ]
  11. BGH, Urteil vom 14.01.2004 – IV ZR 56/​03, VersR 2004, 453 unter II 2[ ]
  12. vgl. auch BGH, Urteil vom 15.02.2006 – IV ZR 397/​02, VersR 2006, 684 Rn. 11[ ]
  13. BGH, Urteil vom 28.03.2007 – IV ZR 145/​06, VersR 2007, 1214 Rn. 10 ff.[ ]