Rentenbeginn bei verspäteter Beantragung

Bei ver­spä­te­ter Antrag­stel­lung kommt eine rück­wir­ken­de Ren­ten­ge­wäh­rung auch im Wege des Zuguns­ten­ver­fah­rens nicht in Betracht, wenn eine vor­he­ri­ge bin­den­de Ren­ten­ab­leh­nung recht­mä­ßig erfolgt ist. Die Ren­ten­ab­leh­nung ist kein Ver­wal­tungs­akt mit Dau­er­wir­kung i. S. d. § 48 SGB X.

In dem hier vom Sozi­al­ge­richt Karls­ru­he ent­schie­de­nen Fall war der Klä­ger nach den – zwi­schen den Betei­lig­ten unstrei­ti­gen – medi­zi­ni­schen Fest­stel­lun­gen der beklag­ten Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung zwar bereits seit dem 06.09.2007 voll erwerbs­ge­min­dert und erfüll­te ab die­sem Zeit­punkt die mate­ri­ell-recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für eine Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung (vgl. § 43 Abs. 2 SGB VI). Er hat einen – erneu­ten – jedoch erst mit dem am 09.08.2010 bei der Beklag­ten ein­ge­gan­ge­nen Schrei­ben vom 01.08.2010 gestellt. Eine Ren­te aus eige­ner Ver­si­che­rung wie die gewähr­te Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung wird indes nur dann von dem Kalen­der­mo­nat an, zu des­sen Beginn die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen für die Ren­te erfüllt sind (hier: 01.10.2007), geleis­tet, wenn sie bis zum Ablauf des drit­ten Kalen­der­mo­nats nach Ablauf des Monats bean­tragt wird, in dem die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind (§ 99 Abs. 1 Satz 1 SGB VI). Da der Klä­ger sei­nen Umstel­lungs­an­trag nicht inner­halb der bis zum 31.12.2007 lau­fen­den Drei­mo­nats­frist gestellt hat, wird die Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung wie von der Beklag­ten bewil­ligt erst ab August 2010, dem Antrags­mo­nat, geleis­tet (§ 99 Abs. 1 Satz 2 SGB VI).

Zum Zeit­punkt der Ver­schlech­te­rung des Gesund­heits­zu­stands des Klä­gers lag auch nicht etwa noch ein des Klä­gers vor, über den die Beklag­te bis dahin noch nicht ent­schie­den hat. Unab­hän­gig davon, ob der im Hin­blick auf die Ent­schei­dung des schwei­ze­ri­schen Ver­si­che­rungs­trä­gers gestell­te Revi­si­ons­an­trag vom 28.09.2005 wie der Klä­ger vor­trägt grund­sätz­lich geeig­net ist, Rechts­wir­kun­gen im Ver­hält­nis zur Beklag­ten zu ent­fal­ten, wäre hier­über jeden­falls mit dem Bescheid vom 28.02.2006 ent­schie­den wor­den. Irrele­vant ist inso­weit, dass die Beklag­te in die­sem Bescheid, mit dem sie einen Anspruch auf Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung ver­neint, nur den vom 01.02.2002 aus­drück­lich nennt. Denn in Fäl­len, in denen wie hier wäh­rend eines noch nicht abge­schlos­se­nen sver­fah­rens ein schlech­te­rer Gesund­heits­zu­stand gel­tend gemacht wird, ist der ent­spre­chen­de Ver­schlech­te­rungs- bzw. Über­prü­fungs­an­trag nach aus­län­di­schem Recht allen­falls als Sach­vor­trag im lau­fen­den Ver­fah­ren zu wer­ten. Ein lau­fen­des Ver­wal­tungs­ver­fah­ren ent­fal­tet Sperr­wir­kung für die Ein­lei­tung wei­te­rer Ver­fah­ren zum sel­ben Gegen­stand. Ein Ver­be­schei­dungs­in­ter­es­se für par­al­le­le geson­der­te Ent­schei­dun­gen in der­sel­ben Sache besteht nicht 1. Der beim schwei­ze­ri­schen Trä­ger am 01.02.2002 ein­ge­reich­te Antrag auf Inva­li­den­ren­te galt auch als umfas­sen­der Antrag auf Erwerbs­min­de­rungs­ren­te nach deut­schem Recht (vgl. Art. 32a des zum Antrags­zeit­punkt noch anwend­ba­ren Deutsch-Schwei­ze­ri­sches Sozi­al­ver­si­che­rungs­ab­kom­mens).

Der Klä­ger kann eine rück­wir­ken­de Gewäh­rung der Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung auch nicht im Wege des Zuguns­ten­ver­fah­rens gemäß § 44 SGB X ver­lan­gen. Denn hier­für wäre Vor­aus­set­zung, dass die Beklag­te bereits bei Ableh­nung des Antrags hin­sicht­lich der Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung das Recht unrich­tig ange­wen­det hät­te oder von einem unrich­ti­gen Sach­ver­halt aus­ge­gan­gen wäre (§ 44 Abs. 1 Satz 1 SGB X). Ist ein Ver­wal­tungs­akt im Erlass­zeit­punkt dem­ge­gen­über recht­mä­ßig und tritt Rechts­wid­rig­keit bzw. eine Ände­rung in den ihm zugrun­de lie­gen­den Ver­hält­nis­sen erst nach sei­ner Bekannt­ga­be ein, kann eine spä­te­re Kor­rek­tur allen­falls unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 48 SGB X erfol­gen 2. Bei ihrer Bekannt­ga­be mit Bescheid vom 28.02.2006 war die Ableh­nungs­ent­schei­dung der Beklag­ten hin­sicht­lich der Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung indes recht­mä­ßig. Eine Ver­schlech­te­rung der Gesund­heits­si­tua­ti­on, wel­che auch das Ober­ge­richt des Kan­tons Uri in dem vom Klä­ger ein­ge­sand­ten Gerichts­be­schluss vom 11.12.2009 beschreibt, ist erst im Sep­tem­ber 2007 ein­ge­tre­ten. Bei der Ableh­nungs­ent­schei­dung vom 28.02.2006 han­del­te es sich auch nicht etwa um eine vor­läu­fi­ge Rege­lung. Der mit „Mit­tei­lung über die vor­läu­fi­ge Leis­tung” über­schrie­be­ne Bescheid ent­hält viel­mehr meh­re­re selb­stän­di­ge Ver­wal­tungs­ak­te, näm­lich die Ent­schei­dun­gen über Ren­ten­art (Zuer­ken­nung einer Ren­te wegen teil­wei­ser und Ableh­nung einer Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung), Ren­ten­hö­he, und Ren­ten­dau­er 3. Vor­läu­fig war inso­weit – wor­auf die Beklag­te im Bescheid vom 28.02.2006 auch aus­drück­lich hin­ge­wie­sen hat – allein die Rege­lung zur Ren­ten­hö­he. Nur inso­weit hat die Beklag­te erst im Bescheid vom 24.01.2008 eine end­gül­ti­ge Fest­set­zung getrof­fen; eine wei­ter­ge­hen­de Rege­lung ent­hält die­ser Bescheid nicht. Bei der Ableh­nung eines Anspruchs auf Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung han­del­te es sich dem­ge­gen­über um eine ver­fah­rens­ab­schlie­ßen­de Rege­lung, die nach Ablauf der Wider­spruchs­frist in Bestands­kraft erwach­sen und damit bin­dend gewor­den ist (§ 77 SGG). Hier­mit wur­de die Beklag­te erst wie­der im August 2010 durch den Umstel­lungs­an­trag des Klä­gers befasst.

Schließ­lich kommt auch eine rück­wir­ken­de Auf­he­bung der Ableh­nungs­ent­schei­dung gemäß § 48 Abs. 1 Satz 1, Satz 2 Nr. 1 SGB X zuguns­ten des Klä­gers wegen der ein­ge­tre­te­nen Ände­rung in den ihr zugrun­de lie­gen­den tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­sen nicht in Betracht. Denn die­se Rege­lung gilt nur für Ver­wal­tungs­ak­te mit Dau­er­wir­kung. Die Ableh­nung des Anspruchs auf Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung im Bescheid vom 28.02.2006 hat jedoch kei­ne Dau­er­wir­kung. Mit der Ableh­nung eines es wird die Rechts­la­ge im Ver­hält­nis zwi­schen Antrag­stel­ler und Leis­tungs­trä­ger viel­mehr ein­ma­lig gestal­tet und das Bestehen eines Leis­tungs­rechts­ver­hält­nis­ses mit sich dar­aus zumin­dest für eine gewis­se Dau­er erge­ben­den recht­li­chen oder tat­säch­li­chen Wir­kun­gen gera­de ver­neint. Mit Ein­tritt der Bestands­kraft steht zwar auch für die Fol­ge­zeit zwi­schen den Betei­lig­ten fest, dass dem Antrag­stel­ler die begehr­te Leis­tung nicht zusteht. Das ist jedoch allein das Ergeb­nis der Bin­dungs­wir­kung des ableh­nen­den Beschei­des und ver­mag kei­ne davon zu unter­schei­den­de Dau­er­wir­kung zu begrün­den 4. Dau­er­wir­kung kam allein der Bewil­li­gung der Ren­te wegen teil­wei­ser Erwerbs­min­de­rung bei Berufs­un­fä­hig­keit zu. Hier­bei han­delt es sich jedoch um einen im Ver­gleich zu der nun­mehr bewil­lig­ten Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung um einen eigen­stän­di­gen Anspruch (vgl. § 89 SGB VI). Inso­weit sind Ände­run­gen auch nicht ein­ge­tre­ten.

Sozi­al­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 31. Okto­ber 2012 – S 16 R 4791/​11

  1. vgl. Mutsch­ler, in: Kas­se­ler Kom­men­tar zum Sozi­al­ver­si­che­rungs­recht, 74. Ergl. 2012, § 18 SGB X, Rdnr. 4 m.w.N.[]
  2. vgl. BSG, Urteil vom 25.01.2011 – B 5 R 46/​10 R; Urteil vom 15.06.2010 – B 2 U 22/​09 R; Urteil vom 07.09.2006 – B 4 RA 43/​05 R; Mer­tens, in: Hauck/​Noftz, SGB X, Stand Dez. 2011, § 44 Rdnr. 23; Waschull, in: Diering/​Timme/​Waschull, SGB X, 3. Aufl. 2011, § 4 Rdnr. 28[]
  3. vgl. hier­zu Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 11.05.2011 – B 5 R 8/​10 R, m.w.N.[]
  4. vgl. BSG, Urteil vom 30.01.1985 – 1 RJ 2/​84; Urteil vom 06.05.2010 – B 13 RJ 44/​09 R[]