Fahrtkostenerstattung für die ärztliche Begutachtung

Ein Ren­ten­an­trag­stel­ler hat dann Anspruch auf Ent­schä­di­gung für Fahrt­kos­ten anläss­lich einer ärzt­li­chen Begut­ach­tung inner­halb einer Frist von drei Mona­ten ab Been­di­gung der Unter­su­chung beim jewei­li­gen Sach­ver­stän­di­gen, denn damit ist die kon­kre­te Maß­nah­me, zu der das per­sön­li­che Erschei­nen ange­ord­net wor­den war, been­det. Die Been­di­gung der Zuzie­hung bei einem Betei­lig­ten beginnt nicht erst mit dem Ver­fah­ren­sen­de in der jewei­li­gen Instanz.

So die Ent­schei­dung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Baden-Würt­tem­berg in dem hier vor­lie­gen­den Fall eines Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten, dem die Kos­ten für meh­re­re Fahr­ten zu ärzt­li­chen Begut­ach­tun­gen nicht erstat­tet wor­den sind. In dem beim Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg anhän­gig gewe­se­nen Haupt­sa­che­ver­fah­ren 1 ging es um die Gewäh­rung einer Ren­te wegen Erwerbs­min­de­rung. Im Rah­men einer Begut­ach­tung von Amts wegen nahm der Klä­ger am 7. Sep­tem­ber 2011 einen Unter­su­chungs­ter­min bei Prof. Dr. H. in H. wahr. Am 8. Sep­tem­ber 2011 fuhr er zur Rück­ga­be des Blut­druck­mess­ge­räts erneut zum Kli­ni­kum G. in H. sowie noch­mals am 20. Sep­tem­ber 2011 zu einer Abschluss­be­spre­chung. Am 6. März 2012 fand ein Erör­te­rungs­ter­min in Stutt­gart statt, zu dem das per­sön­li­che Erschei­nen des Klä­gers ange­ord­net wor­den war. Mit Schrei­ben vom 27. März 2012 mach­te der Klä­ger Fahrt­kos­ten für den Gerichts­ter­min in Stutt­gart sowie die drei Ter­mi­ne anläss­lich der Begut­ach­tung im Sep­tem­ber 2011 gel­tend, ins­ge­samt 137,70 EUR. Die Kos­ten­be­am­tin setz­te mit Schrei­ben vom 3. April 2012 die Ent­schä­di­gung für den Ter­min am 6. März 2012 auf 46,80 EUR fest (Fahrt­kos­ten 28,80 EUR, Auf­wand-Tage­geld 18 EUR). Bezüg­lich der Ter­mi­ne am 7., 8. und 20. Sep­tem­ber 2011 kön­ne dem Antrag nicht ent­spro­chen wer­den, da der Anspruch bereits erlo­schen sei, denn er sei nicht bin­nen drei Mona­ten nach Zuzie­hung gestellt worden.

In sei­ner Ent­schei­dung ver­weist das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg auf § 191 SGG, wonach einem Betei­lig­ten auf Antrag bare Aus­la­gen und Zeit­ver­lust wie einem Zeu­gen ver­gü­tet wer­den, wenn sein per­sön­li­ches Erschei­nen – wie hier anläss­lich der Unter­su­chung durch den Sach­ver­stän­di­gen – ange­ord­net wor­den ist. Nach § 2 Abs. 1 Satz 1, 2 Nr. 2 JVEG erlischt der Anspruch auf Ver­gü­tung oder Ent­schä­di­gung, wenn er nicht bin­nen drei Mona­ten bei der Stel­le, die den Berech­tig­ten her­an­ge­zo­gen oder beauf­tragt hat, gel­tend gemacht wird; die Frist beginnt im Fall der Ver­neh­mung als Sach­ver­stän­di­ger oder Zeu­ge oder der Zuzie­hung als Dol­met­scher mit „Been­di­gung der Ver­neh­mung oder Zuziehung”.

Die Frist von drei Mona­ten beginnt hier kon­kret mit der Been­di­gung der Unter­su­chung beim jewei­li­gen Sach­ver­stän­di­gen, hier also spä­tes­tens mit der Abschluss­be­spre­chung am 20. Sep­tem­ber 2011, denn damit ist die kon­kre­te Maß­nah­me, zu der das per­sön­li­che Erschei­nen ange­ord­net wor­den war, been­det 2 . Sinn und Zweck der Vor­schrift ist es, der Staats­kas­se bin­nen kur­zer Frist Klar­heit über die Höhe der Gerichts­kos­ten zu ver­schaf­fen 3 . Die­ser Zweck wird sowohl bei einem Zeu­gen als auch bei einem Betei­lig­ten mit der drei­mo­na­ti­gen Aus­schluss­frist erreicht. Allein dass bei einem Betei­lig­ten auch nach der Unter­su­chung im Rah­men einer Begut­ach­tung wei­te­re Kos­ten ent­ste­hen kön­nen, etwa durch die Anord­nung per­sön­li­chen Erschei­nens zu einem Gerichts­ter­min, recht­fer­tigt kei­ne unter­schied­li­che Behand­lung von Zeu­gen und Betei­lig­ten 4 . Hin­sicht­lich jeder ein­zel­nen Inan­spruch­nah­me besteht ein Inter­es­se der Staats­kas­se, bin­nen kur­zer Frist Klar­heit über die Kos­ten zu erhal­ten, zumal hin­sicht­lich der Höhe der Kos­ten wei­te­re Ermitt­lun­gen not­wen­dig sein kön­nen, die mit zuneh­men­dem Zeit­ab­lauf nicht mehr mög­lich oder erschwert sein kön­nen. Ein denk­ba­rer wei­te­rer Ent­schä­di­gungs­an­spruch etwa anläss­lich der Anord­nung des per­sön­li­chen Erschei­nens zu einem Ter­min oder einer wei­te­ren Unter­su­chung ändert dar­an nichts. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg gibt inso­weit sei­ne frü­her ver­tre­te­ne Auf­fas­sung, dass die Been­di­gung der Zuzie­hung bei einem Betei­lig­ten im Sin­ne des Ver­fah­ren­sen­des in der jewei­li­gen Instanz zu ver­ste­hen ist 5 , aus­drück­lich auf.

Im Übri­gen ist der Klä­ger auch aus­drück­lich mit dem Hin­weis­blatt anläss­lich der Benach­rich­ti­gung vom Gut­ach­tens­auf­trag dar­über belehrt wor­den, dass der Anspruch auf Ent­schä­di­gung erlischt, wenn der Antrag auf Ent­schä­di­gung nicht bin­nen drei Mona­ten nach Been­di­gung der ambu­lan­ten oder sta­tio­nä­ren Unter­su­chung durch den Sach­ver­stän­di­gen beim Gericht ein­ge­gan­gen ist. Hier hat der Klä­ger den Antrag erst im April 2012 und somit deut­lich außer­halb der Drei­mo­nats­frist gestellt.

Nach § 2 Abs. 2 Satz 1 JVEG gewährt das Gericht dem Berech­tig­ten Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand, wenn er ohne sein Ver­schul­den an der Ein­hal­tung der Frist gehin­dert war, wenn er inner­halb von zwei Wochen nach Besei­ti­gung des Hin­der­nis­ses den Anspruch bezif­fert und Tat­sa­chen glaub­haft macht, wel­che die Wie­der­ein­set­zung begrün­den. Der Klä­ger hat vor­lie­gend nur gel­tend gemacht, im War­ten auf den Ver­hand­lungs­ter­min die Frist aus den Augen ver­lo­ren zu haben. Eine unver­schul­de­te Frist­ver­säum­nis kann hier­in nicht gese­hen wer­den. Da das Gericht an das Gesetz gebun­den ist, kommt hier­von abwei­chend eine „Kulanz­lö­sung” nicht in Betracht.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 31. Juli 2012 – L 12 KO 1608/​12

  1. LSG Baden-Würt­tem­berg – L 13 R 2169/​11[ ]
  2. vgl. Baye­ri­sches LSG, Beschluss vom 19.07.2006 – L 16 R 489/​04 Ko; Beschluss vom 01.09.2006 – L 17 U 184/​05 Ko; Thü­rin­ger LSG, Beschluss vom 09.04.2008 – L 6 SF 51/​07; Leit­he­rer in Mey­er-Lade­wi­g/­Kel­ler/­Leit­he­rer, SGG, 10. Aufl. 2012, § 191 Rdnr. 8; Knit­tel in Hen­nig, SGG, Stand April 2012, § 191 Rdnr. 15; Groß in Hk-SGG, 4. Aufl. 2012, § 191 Rdnr. 9; Zei­he, SGG, Stand Novem­ber 2010, § 191 Rdnr. 8a[ ]
  3. vgl. LSG Nie­der­sach­sen-Bre­men, Beschluss vom 22.12.2004 – L 4 SF 21/​04, zur Vor­gän­ger­vor­schrift § 15 Abs. 2 des Geset­zes über die Ent­schä­di­gung von Zeu­gen und Sach­ver­stän­di­gen[ ]
  4. so aber LSG Nie­der­sach­sen-Bre­men, Beschluss vom 22.12.2004 – L 4 SF 21/​04[ ]
  5. LSG Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 13.04.2007 – L 12 U 447/​07 KO‑A [ ]